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Sexualität bei frischgebackenen Eltern


Paartherapeutin Fabienne Schwarz-Loy aus Moos ermuntert Paare in ihrer "Praxis Herzenslust", darüber zu reden, was ihnen auf dem Herzen liegt und ihnen wieder Lust bereiten soll.


Ist es normal, dass nach der Geburt "Flaute" im Bett herrscht?


„Normal gibt’s nicht“, betont die Therapeutin. Jede*r habe das Recht auf seine individuellen Bedürfnisse, egal was als „normal“ beschrieben wird – in einer Gesellschaft, in der das Thema Sexualität zum einen glücklicherweise nicht mehr tabuisiert, sondern recht offen thematisiert wird, aber dadurch auch Druck entstehen kann, mit einem vermeintlichen „Durchschnitt“ mithalten oder bestimmte Erfahrungen machen zu müssen. Bei den einen komme das Bedürfnis nach Sex schon kurz nach der Geburt wieder, bei anderen erst nach vielen Monaten oder gar Jahren. Was zählt, ist: wenn sich die neue Situation für einen oder beide komisch anfühlt, sollte das Paar darüber reden, wie es damit umgeht - wichtig sei es dann, offen und ehrlich zu sein. „Vielen fällt aber gerade das schwer, denn kaum jemand hat dies in seiner Erziehung und Sozialisierung wirklich gelernt“, sagt Fabienne Schwarz-Loy. Hier biete sich das Gespräch im geschützten Raum einer Beratung an, um sich ganz vorsichtig an dieses Thema heranzutasten und auch, um Vorwurfs- und Rechtfertigungsspiralen zu vermeiden.


Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass das Liebesleben von Eltern bracht liegt?


Es werde oft unterschätzt, dass sich sexuelles Verlangen zu großen Teilen aus Spannung und Begierde auf etwas Unbekanntes nährt. „Das steht oft in einem großen Kontrast zur Vertrautheit in längeren Beziehungen, gerade mit Kindern“, sagt die Therapeutin. Das erotische Knistern ist mit einer großen Nähe zueinander nicht mehr so einfach herstellbar. „Da gehen Wunsch und Wirklichkeit oft auseinander und es gilt, neu zu entdecken, wie die gemeinsame Sexualität trotz Vertrautheit aussehen könnte und wie gerade diese Vertrautheit vielleicht auch einen besonderen Reiz bieten kann.“


Eine zweite große Herausforderung: „Die Summe der Rollenerwartungen an Eltern nimmt unglaublich zu“, erklärt Fabienne Schwarz-Loy. Frau und Mann sollen nicht nur verständnisvolle Eltern, gute Liebhaber oder Familienmanager sein, sondern auch gut aussehen, sportlich und erfolgreich im Job sein. „Das ist verständlicherweise oft zu viel für Eltern, sie laufen häufig ihren eigenen Erwartungen hinterher und Raum für Entspannung und Loslassen, den es für eine erfüllte Sexualität braucht, ist kaum möglich.“ Ein Prozess, den vor allem viele gleichberechtigte Paare nicht auf dem Schirm haben, die ganz bewusst nicht die konservativen Rollen von Frau und Mann spielen und dadurch deutlich mehr Rollen und Rollenerwartungen in sich vereinigen. Die Folge: Man ist genervt, unzufrieden, hat keine Lust auf Sex und ohnehin ja kaum Zeit und Raum dafür. Hier helfe es, die Reibungspunkte auszumachen und nachhaltig zu vereinbaren, wer zum Beispiel für welche Dinge auf welche Art und Weise zuständig ist, damit nicht ständig neu verhandelt und diskutiert werden muss. Denn: wenn Paare sich gegenseitig nerven und ärgerlich sind, schwindet zumeist auch die sexuelle Attraktion. Die Grundlage eines harmonischen Sexlebens ist daher auch oft ein wohlwollender Umgang miteinander im Alltag.


Drittens ganz praktisch: Ist ein Baby da, sind Eltern natürlich weniger allein und ungestört. „Das Gefühl, ständig unter Stress zu stehen, selbst Grundbedürfnisse kaum in Ruhe stillen zu können, ist nicht unbedingt förderlich für sexuelle Energie“, sagt die Therapeutin. Nicht zuletzt muss sich auch an körperliche Veränderungen – bei sich selbst oder dem Partner / der Partnerin - erst einmal gewöhnt werden.


Was können Paare tun, wenn zeitweise keine Lust auf Sex da ist?


„Es ist unglaublich wichtig, sich darüber auszutauschen. Ohne Kommunikation kommt man da schlecht raus“, sagt Fabienne Schwarz-Loy. Was einfacher gesagt als getan ist. Die meisten Paare sind es nicht gewohnt, über Sex zu reden. Am Anfang einer Beziehung ist die Notwendigkeit dafür auch meist noch nicht so offensichtlich, aber in fast jeder Partnerschaft komme irgendwann der Punkt, wo Spannung und Erregung nicht mehr von alleine passieren und zufällig zusammenpassen, sondern wo offener Austausch hilft, dass die Bedürfnisse beider Beteiligten berücksichtigt werden können. Wichtig sei es auch zu thematisieren, ob eine*r unter der Situation leidet. „Es wäre auch gut möglich, dass Partner*innen über längere Zeiträume keinen Sex haben, dies aber nicht schlimm finden. Dann muss man es auch nicht unbedingt problematisieren.“ In der Regel stelle sich das Bedürfnis aber wieder ein - dann sei es am besten, sich vorsichtig wieder neu zu entdecken, zu experimentieren und sich darüber auszutauschen. Auch erziehungsbedingte Unsicherheiten und Glaubenssätze, die bei vielen Menschen eine erhebliche Rolle spielen, können thematisiert und ggfs. aufgelöst werden. Manchen Paaren helfe es außerdem, aktiv Raum für Sexualität zu schaffen, also sich quasi zum Sex zu verabreden, um sich darauf einstellen zu können oder auch um Situationen der Zurückweisung zu minimieren. Insgesamt kann die gemeinsame Sexualität neu definiert und entdeckt werden. Aus einer geringeren Quantität im Liebesleben könne so eine neue Qualität erwachsen.


Was raten Sie Eltern, wenn sich in der Familienphase unterschiedliche Vorstellungen entwickeln, was ein erfülltes Liebesleben ist?


„Das ist unter anderem ein Grund, warum Seitensprünge passieren – man hat das Gefühl, die eigenen Bedürfnisse können vermeintlich nicht (mehr) mit dem Partner ausgelebt werden. Dabei geht es selten tatsächlich um einen konkreten anderen Partner, sondern um die Frage: Wer bin ich, wer will ich sein, was sind meine Sehnsüchte? Und das ist erstmal unabhängig von der jeweils anderen Person“, sagt die Therapeutin. Auch dies kann in der Partnerschaft nur im kommunikativen Austausch bearbeitet und erörtert werden, wie die individuellen Vorstellungen der Partner*innen zusammenpassen. Dafür gebe es aber keine Pauschallösung. Ein gewisses Maß an gesundem Pragmatismus sei nötig, um unterschiedliche Bedürfnisse auszubalancieren, ohne die eigenen zu vernachlässigen. Wichtig sei auch hier, darüber zu reden, welche Vorstellungen und Wünsche in der Partnerschaft ausgelebt werden können und welche eben nicht. „Ist die Schnittmenge groß genug, kann eine Partnerschaft auf sexueller Ebene tragen. Den Mut aufzubringen, diese offene Kommunikation über Sexualität anzugehen, ist oftmals ein großer Schritt, denn Hemmungen, Unsicherheiten und der Glaube daran, dass das schon alles ‚von alleine‘ funktioniert, sind oft stark. Aber es lohnt sich unglaublich, denn dadurch entsteht die Chance, dass Partnerschaften auf eine neue Ebene gehoben werden, Partner*innen gemeinsam neue Erfahrungen machen und sexuelle Bedürfnisse zufriedenstellend gestillt werden können. Und das Schöne dabei: es ist alles lernbar.“

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