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  • Fabienne Schwarz-Loy

Kommunikation - zwei Konzepte mit hilfreichen Impulsen

Diesen Artikel habe ich für das Buch "ICH + ICH = WIR" geschrieben, ein Arbeitsbuch für Paare, das 2016 erschienen ist und in dem zahlreiche Experten Impulse zu unterschiedlichen Themen liefern. Ich erkläre darin zwei bekannte und bewährte Kommunikationskonzepte, die nicht nur für Paare, sondern auch in allen anderen Kontexten, in denen kommuniziert wird (und das dürften die allermeisten sein), sehr hilfreich und wirksam sind. Alle paarbezogenen Beispiele im Artikel können also beliebig auf andere Situationen übertragen werden.


In den vergangenen Kapiteln habt ihr zahlreiche Ideen bekommen, über welche konkreten Themen ein Austausch in der Paarbeziehung wichtig ist. Nun habt ihr bestimmt im Laufe eurer bisherigen Partnerschaft die Erfahrung gemacht, dass oftmals nicht nur die inhaltlichen Themen selbst, sondern auch die Art und Weise, wie man miteinander spricht, einen großen Einfluss auf das gegenseitige Verständnis haben. Die Kommunikation ist der einzige Zweck von Beziehungen, Freundschaften oder sonstigen Zusammenschlüssen von Menschen (vgl. Marion Berghaus: Luhmann leicht gemacht, 2011.) – verständlich, kann man sich doch kaum ein Paar, einen Freundkreis, ein Team von Kollegen oder einen Verein vorstellen, in dem nicht kommuniziert wird. So wichtig und zentral die Kommunikation also unter Menschen, die in irgendeiner Verbindung zueinander stehen, ist, so viele Herausforderungen birgt sie auch.


Eine zentrale Herausforderung ist zum Beispiel das Entstehen von Missverständnissen: nicht immer kommt das, was eine Person zu einer anderen sagt, auch so an, wie die Person es ursprünglich gemeint hat. Der bekannte Kommunikationswissenschaftler und Psychologe Friedemann Schulz von Thun hat dazu ein einfach verständliches Modell entwickelt, das menschliche Kommunikation in verschiedensten Situationen anschaulich darstellen kann: das Kommunikationsquadrat (vgl. Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 1 – Störungen und Klärungen, 1981.). In diesem Modell gibt es zwei beteiligte Personen: einen Sender, also eine Person, die eine Aussage trifft, sowie einen Empfänger, also eine Person, die die Aussage hört und aufnimmt. Der Sender übermittelt mit seiner Aussage nicht nur eine, sondern gleich vier Botschaften. Wenn wir uns also die Aussage als Quadrat vorstellen, stellt jede einzelne Botschaft eine Seite des Quadrats dar. Den Empfänger stellen wir uns mit vier verschiedenen „Ohren“ vor, mit denen er die verschiedenen Botschaften hört, daher ist das Modell auch unter dem Begriff „4-Ohren-Modell“ bekannt.


Ich werde nun diese vier Botschaften anhand eines einfachen Beispiels aus dem Beziehungsalltag näher erklären: einer der Partner kommt abends nach Hause, der andere Partner begrüßt ihn mit den Worten: „Es ist schon 23:00 Uhr!“


Die erste der vier Botschaften ist eine Sachinformation – der Sender teilt dem Empfänger die Uhrzeit mit und dieser hört auf seinem „Sach-Ohr“: „Ah, es ist jetzt 23:00 Uhr“.


Die zweite Botschaft ist die Selbstkundgabe – der Sender teilt mit seiner Aussage etwas über sich selbst mit. Der Empfänger könnte auf dem „Selbstkundgabe-Ohr“ zum Beispiel folgende Botschaften hören: „Ich war so lange alleine“, „Ich habe dich vermisst“, „Ich habe mir Sorgen gemacht, weil ich nicht wusste, wo du bist“ oder ähnliches. Bei der Selbstkundgabe nimmt der Empfänger, also in diesem Fall der heimkommende Partner etwas wahr, was der Sender von sich zu erkennen gibt: Gefühle, Bedürfnisse, Meinungen.


Die dritte Botschaft ist ein Beziehungshinweis – hierbei werden Haltungen, Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf die Beziehung zwischen Sender und Empfänger deutlich. Der Empfänger hört auf dem „Beziehungs-Ohr“ beispielsweise: „Ich mag es nicht, wenn du mich warten lässt“, „Ich wünsche mir, dass wir unsere Abende gemeinsam verbringen“, „Ich fände es gut, wenn wir uns über unsere Zeitpläne besser absprechen würden“ oder im einfachsten Falle vielleicht „Ich glaube, dass du die Uhr nicht lesen kannst“.


Und schließlich die vierte Botschaft: der Apell. Auf dem Apell-Ohr hört der Empfänger, was der Sender konkret bei ihm erreichen möchte, also zum Beispiel: „Bitte komme in Zukunft früher nach Hause!“ oder „Bitte gib mir doch Bescheid, wo du bist“.


Die Selbstkundgabe-, Beziehungs- und Apell-Ohren hören im Übrigen auch oftmals Dinge, die nicht unbedingt in Worten ausgedrückt sein müssen: dazu gehören zum Beispiel der Tonfall oder die Lautstärke des Gesagten, der begleitende Gesichtsausdruck oder die Bewegungen, mit denen das Gesagte verbunden wird.


Wir sehen, dass ein so einfacher und alltäglicher Satz zahlreiche verschiedene und manchmal auch schwierig zu verstehende Botschaften vermitteln kann. Der Empfänger weiß also nicht genau, was der Sender im eigentlich mitteilen wollte: Ist er wütend? Fühlt er sich einsam? Hält er ihn für unfähig, die Uhrzeit selbst herauszufinden? In diesem Falle wer es angebracht, zu fragen: Was willst du mir denn genau sagen? Was beschäftigt dich?


Noch schwieriger kann es dann werden, wenn der Empfänger genau meint zu wissen, welche Botschaft bezweckt war. Er ist vielleicht besonders empfindsam auf dem Beziehungs-Ohr und hört eine Botschaft, die das Zusammenleben der beiden Personen betrifft, ja möglicherweise einen Vorwurf enthält, der Sender wollte aber tatsächlich in erster Linie eine Sachinformation weitergeben - so sind Missverständnisse vorprogrammiert. Ebenso, wenn der Empfänger beispielsweise nur die Sachinformation aufnimmt, aber auf dem Selbstkundgabe-Ohr im übertragenen Sinne „taub“ ist, also die Gefühle und Bedürfnisse, die der Sender eigentlich mitgeben wollte, nicht wahrnimmt.


Bei so vielen verschiedenen möglichen Botschaften stellt sich uns die Frage: wie können wir etwas so sagen, dass es beim Gegenüber auch so ankommt, wie wir es wollen?


Der Psychologe Marshall D. Rosenberg hat hierfür etwas relativ Einfaches, aber sehr Wirkungsvolles entwickelt: das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (vgl. Marshall D. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens, 2009). Dies klingt im ersten Moment vielleicht etwas komisch: gewaltfrei? Unter Gewalt verstehen wir landläufig vor allem körperliche Härte, manchmal noch psychischen Zwang. Da glücklicherweise ja die meisten Menschen in der Regel keine körperliche Gewalt anwenden, wenn sie mit jemandem sprechen, scheint zunächst verwunderlich, was an gewaltfreier Kommunikation zu ungewöhnlich sein soll. Für Rosenberg bedeutet Gewalt in der Kommunikation aber etwas Anderes: aus seiner Sicht sind auch Vorwürfe, Verurteilungen, Bewertungen oder Forderungen bereits Formen von Gewalt, die beim Gegenüber bewirkt, dass dieser sich verteidigen und rechtfertigen will oder sogar zum Gegenangriff ausholt. Diese Formen der Kommunikation kommen also in den meisten Fällen nicht dem gegenseitigen Verständnis zugute, sondern werfen weitere Probleme auf.


Was Marshall D. Rosenberg mit seinem Konzept stattdessen bezwecken möchte, ist eine Art zu kommunizieren, die gegenseitige Empathie, also Einfühlungsvermögen und Verständnis für andere Personen fördert. Dies schafft die Möglichkeit, möglichst viele Bedürfnisse der Gesprächspartner erfüllen zu können. Die Gewaltfreie Kommunikation besteht aus vier aufeinander aufbauenden Schritten, die ich im Folgenden erklären möchte:


Am Anfang ist es wichtig, eine Beobachtung auszudrücken und zwar von Bewertungen befreit. Im Beispielfall unseres Paares würde das also bedeuten: „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause.“, und eben nicht vorwurfsvolle Sätze wie „Immer kommst du so spät!“, „Wo kommst du denn schon wieder her?“ oder „So spät nach Hause zu kommen ist rücksichtslos von dir!“.


Im zweiten Schritt wird diese Beobachtung mit einem eigenen Gefühl verbunden, also zum Beispiel: „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause, das macht mich traurig“, „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause, da bin ich in Sorge“, oder „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause, das ärgert mich sehr“.


Im dritten Schritt wird dieses Gefühl mit einem eigenen Bedürfnis begründet: „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause, das macht mich traurig, weil ich so gerne den Abend mit dir verbringen würde“, „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause, da bin ich in Sorge, weil ich gerne wüsste, was du machst und ob es dir gut geht“ oder „Du kommst um 23:00 Uhr nach Hause, das ärgert mich sehr, weil wir doch eigentlich verabredet hatten dass wir heute Abend gemeinsam XY machen“.


Als vierten Schritt könnt ihr am Schluss eine konkrete Bitte formulieren, die das weitere gemeinsame Vorgehen betrifft und die vorherigen Schritte Beobachtung, Gefühl und Bedürfnis mit einbezieht: „Was meinst du, wie wir es schaffen, zukünftig mehr Zeit miteinander zu verbringen?“ oder „Wärst du bereit, mir zukünftig Bescheid zu sagen, wo du bist, damit ich mir keine Sorgen und Gedanken machen muss?“. Wichtig ist, dass dies auf jeden Fall als Bitte ausgedrückt wird und nicht als Forderung wie zum Beispiel „Komm doch zukünftig früher!“ oder „Sag mir, wo du bist!“, denn kein Mensch, auch nicht der eigene Partner, kann dazu gezwungen werden, etwas zu tun oder nicht zu tun.


Das bedeutet: wenn ihr eurem Partner im Gespräch Vorwürfe macht, ihn verurteilt und ihm Forderungen stellt, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass er mit Gegenangriffen, Verteidigung und Rechtfertigung antwortet und die Gesprächsstimmung nicht gerade zum Wohlfühlen ist. Wenn ihr es aber schafft, eurem Partner klarzumachen, dass euch etwas in der Partnerschaft Probleme bereitet, ihm dabei aber nur von euren eigenen Beobachtungen, Gefühlen und Bedürfnissen erzählt und am Schluss eine Bitte formuliert, kann er sich in euch einfühlen, eure Gefühle und Bedürfnisse vielleicht verstehen und ihr könnt gemeinsam Lösungen finden, die sich für euch beide gut anfühlen.


Wenn wir diese vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation nun mit dem Kommunikationsquadrat verbinden, sehen wir: mit dieser Form der Kommunikation sind dann auch alle vier Ohren bewusst „bedient“ und es bleibt nicht mehr unklar, welche Botschaft eigentlich gesendet werden sollte. Durch die wertfreie Beobachtung wird die Sachinformation mitgeteilt, das Erzählen der eigenen Gefühle stellt die Selbstkundgabe dar. Durch das Erklären der eigenen Bedürfnisse wird viel über die Wünsche in der Beziehung deutlich und am Schluss wird der Apell in Form einer Bitte ausgesprochen, die dem Empfänger Freiheit und Entscheidungsspielraum lässt.


Möglicherweise kommt euch das nun etwas schwierig vor: ihr möchtet eurem Partner nur mitteilen, dass ihr es nicht in Ordnung findet, wenn er spät nach Hause kommt, ohne euch vorher Bescheid zu geben und dann soll es nötig sein, die Nachricht in vier verschiedenen Schritten aufzubauen und so kompliziert zu gestalten? Auf den ersten Blick mag das sehr aufwändig erscheinen. Dennoch lohnt es sich: wenn ihr es schafft, mehr über eigene Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen und weniger vorzuwerfen und zu verurteilen, mehr Bitten und weniger Forderungen zu stellen, dann wird sich das zum Einen kurzfristig auf die Zeit und Energie auswirken, die ihr zum Lösen kleiner und größerer Schwierigkeiten in der Beziehung braucht, da ihr euch weniger mit dem Ausräumen von Missverständnissen und dem Rechtfertigen von eigenem Verhalten beschäftigen müsst. Zum anderen wird es aber auch langfristige Folgen haben: je mehr ihr über eure gegenseitigen Gefühle und Bedürfnisse wisst, desto mehr könnt ihr euch in euren Partner einfühlen und desto mehr wird eure Kommunikation und Interaktion von gegenseitigem Verständnis geprägt sein und ihr werdet möglicherweise manches Miss- oder Unverständnis bereits im Voraus vermeiden können.


Für diese Art von Kommunikation ist aber auch wichtig zu wissen, dass der zeitliche und örtliche Rahmen oftmals eine bedeutende Rolle spielt. Bei kleineren, alltäglicheren Herausforderungen kann es durchaus sein, dass man Botschaften nach den vier Schritten der gewaltfreien Kommunikation auch einmal sprichwörtlich „zwischen Tür und Angel“ austauschen und mit wenigen Sätzen eine Situation klären kann. Bei größeren Anliegen, die eine tiefere Beschäftigung mit Gefühlen und Bedürfnissen erfordern und auch Zeit benötigen, sich in den jeweils anderen Partner einzufühlen, mit seinen Bitten umzugehen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, ist es von großer Bedeutung, auch den passenden Rahmen dafür zu schaffen. Dieser kann je nach Paar und Situation unterschiedlich ausfallen: manche Themen brauchen einen neutralen Boden, sollten also nicht in der (gemeinsamen) Wohnung besprochen werden. Oftmals kann auch die Bewegung bei einem Spaziergang den Gesprächsfluss unterstützen und eine aggressive Stimmung vermeiden. Auch die Zeit spielt eine Rolle: manche Angelegenheiten wollen direkt im „Eifer des Gefechts“ besprochen werden, andere benötigen möglicherweise etwas zeitlichen Abstand zu einer Streitsituation und sollten daher auch auf einen ruhigeren Moment verschoben werden. Manchmal kann es auch vorkommen, dass man keinen gemeinsamen Rahmen findet, in dem eine gute, gewaltfreie und zielführende Kommunikation ermöglicht werden kann und man tritt vielleicht auf der Stelle. In diesen Situationen empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem Paartherapeuten oder Mediator, der eine neutrale Rolle in euren Gesprächen einnimmt und euch dabei unterstützen kann, euch wieder auf eure Bedürfnisse zu konzentrieren und gemeinsame Ziele zu verfolgen.


Insgesamt ist wichtig, dass ihr im Gespräch bleibt – auf eine Art und Weise, die das gegenseitige Verständnis fördert, die euren Gefühlen und Bedürfnissen genügend Raum gibt, die zu euch passt. Dann habt ihr die besten Voraussetzungen, dass ihr in eurem weiteren Zusammenleben immer wieder gemeinsam Strategien suchen und finden könnt, die es euch erlauben, eine erfüllte und freudige Beziehung zu führen.

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