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  • Fabienne Schwarz-Loy

Coaching-Mythen im Check

Aktualisiert: 28. Juni 2019

Was haben Sie denn schon so über das Thema Coaching gehört? Vielleicht noch wenig, möglicherweise aber auch allerhand - doch was entspricht tatsächlich der Realität?

Im Folgenden habe ich mich mit einigen typischen Coaching-"Mythen" auseinandergesetzt:



Ein guter Coach ist neutral

Ja, ja und nochmals ja. Die Neutralität des Coaches ist eine der wichtigsten Säulen eines erfolgreichen Coachings. Weder bewertet oder beurteilt der Coach das Problem, den Konflikt oder die Situation, mit der der Coachee zu ihm kommt, noch das bisherige oder zukünftige Verhalten des Coachees. Es gilt, tragfähige Lösungen zu entwickeln, die für den Coachee passend und nachhaltig sind, unabhängig davon, was der Coach persönlich denkt. Übrigens haben Coaches durchaus persönliche Meinungen, Vorlieben und Einstellungen zu vielen Themen – in der professionellen Rolle schaffen sie es aber, dass diese von der Arbeit mit einem Coachee klar abgegrenzt sind und im Coachingprozess keine Rolle spielen.


Ein guter Coach sagt mir, was ich machen soll

Nein, das wird in der Regel nicht passieren. Lösungen sind dann besonders tragfähig und nachhaltig, wenn sie aus der betroffenen Person selbst kommen. Der Coach hat eine Menge Handwerkszeug und Ideen, um den Coachee so zu begleiten und zu unterstützen, dass dieser aus sich heraus Entscheidungen treffen und Probleme lösen kann. Ein Coaching ist also keine fachliche Beratung, in der man „gute Tipps“ bekommt, sondern ein Prozess, in dem man das eigene Leben in die Hand nehmen und (wieder) handlungsfähig werden kann.


Ein guter Coach bietet mir Lösungsideen an

Jein. Wie im vorigen Abschnitt beschrieben, soll der Coachee sein Ziel auf seine persönliche Art und Weise erreichen und wird durch den Coach intensiv in diesem Prozess begleitet. Das bedeutet aber auch, dass vom Coach durchaus an mancher Stelle inhaltliche Impulse ausgehen können, die es dem Coachee ermöglichen, neue Gedankenwege zu beschreiten und neue Ideen auszuprobieren. Zentral ist hierbei wiederum die Neutralität des Coaches – er wird den Coachee zu keiner bestimmten Lösung oder Veränderung drängen.


Ein guter Coach hat eine umfassende Ausbildung

Auf jeden Fall. Eine gute Ausbildung in Theorie und Praxis ist ein ungeheuer wichtiges Handwerkszeug, um ein kompetenter Coach zu sein. Die Bezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt, könnte also grundsätzlich von jedem als Beschreibung oder Berufsbezeichnung verwendet werden und im alltäglichen Sprachgebrauch wird „Coaching“ auch des Öfteren gleichgesetzt mit „jemandem zuhören“, „jemandem Tipps geben“ oder „jemanden motivieren“. Ein professionelles Coaching, das den Coachee handlungsfähig machen soll in Bezug auf seine Herausforderungen, Probleme oder Entscheidungen braucht aber mehr: einerseits eine klare Kompetenz des Coaches, wie ein solcher Prozess abläuft und wo welche Methoden und Ansätze angebracht sind sowie andererseits eine große Feinfühligkeit im Hinblick auf Emotionen und innere Prozesse des Coachees.

Daher ist der Faktor Ausbildung oft besonders wichtig, um die Qualität von Coaches einschätzen und vergleichen zu können. Eine fundierte Grundausbildung zum Coach dauert in der Regel mindestens 1,5 bis 2 Jahre, dazu kommen potenzielle weitere Fortbildungen zu bestimmten Methoden oder Themenbereichen. Eine anerkannte Zertifizierung der Ausbildung durch einen großen Coaching-Verband ist auch zumeist ein guter Indikator für die fachliche Qualität.


Ein guter Coach muss Erfahrung in meinem Berufszweig haben

Das ist grundsätzlich nicht notwendig. Der Coach gibt keine fachlichen Empfehlungen, sondern übernimmt die Verantwortung, den Coachee durch persönliche Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse zu führen. Die „inhaltliche Verantwortung“ kann daher ganz beim Coachee bleiben. In vielen Situationen kann es sogar hilfreich sein, wenn der Coach fachlich „unvorbelastet“ ist, da eine Betrachtung von außen oftmals neue Fragestellungen und außergewöhnliche Ideen ermöglichen kann.


Im Coaching geht es um Themen, die den Beruf und die Karriere betreffen

Auch hier wieder ein klares Jein. Coaching kommt oft im beruflichen Kontext vor und eignet sich dafür auch ganz hervorragend, zum Beispiel zur Reflexion der eigenen Rolle im Unternehmen oder als Führungsperson, bei der Entscheidung für oder gegen bestimmte Karriereschritte oder bei der Arbeit an einer gesunden Work-Life-Balance. Dennoch spielen bei beruflichen Fragestellungen und Konflikten oftmals auch private Faktoren eine Rolle, die es dann gegebenenfalls in den Coachingprozess zu integrieren gilt. Aber auch rein private Themen wie kommunikative Herausforderungen oder Konflikte in der Familie, Partnerschaft oder mit Freunden können durch Coaching gelöst werden. Darüber hinaus lassen sich Anliegen zu den Themen Stress und Überforderung, Zukunftsängste, Selbstwertgefühl und ähnliches kaum in rein berufliche und rein private Teile zerteilen, so dass ohnehin eine ganzheitliche Betrachtung aller Bereiche notwendig ist.


Coaching und Therapie sind ganz klar voneinander abgegrenzt

Auf manchen Ebenen ja, auf manchen auch nicht. Die wichtigste Unterscheidung ist, dass Coaching sich in der Regel für Personen eignet, die grundsätzlich psychisch gesund sind. Ein Coach heilt keine psychotischen Störungen und auch für die primäre Beschäftigung mit körperlichen Erkrankungen ist er nicht die erste Anlaufstelle. Dagegen gibt es zahlreiche Bereiche, in denen die Angebote von Therapie und Coaching etwas verschwimmen: die Arbeit am eigenen Selbstwertgefühl, die Suche nach Lösungen bei anhaltendem Stress und Erschöpfung oder die Auflösung von lähmenden inneren Glaubenssätzen können sowohl in einer Therapie als auch in einem Coaching vonstattengehen. Wichtig dabei ist jeweils, dass sich der Therapeut oder Coach seiner Kompetenz in der speziellen Situation und ggfs. auch deren Grenze klar bewusst ist.


Bei einem Coach muss ich meine Kindheit aufarbeiten

Das ist in der Regel nicht so. Ein Coaching soll im besten Fall ein individueller Entwicklungsprozess sein, bei dem der Coachee Lösungen für bestimmte Probleme finden oder Entscheidungen treffen kann. Dabei geht die Blickrichtung im Optimalfall nach vorne. In manchen Fällen kann es jedoch sinnvoll sein, sich in diesem Zuge auch mit Prägungen aus der Kindheit oder Vergangenheit zu beschäftigen, nämlich wenn diese entweder unterstützende Ressourcen für den Coachee darstellen können oder wenn sich bestimmte Erfahrungen lähmend auf die Problemlösung auswirken und im Rahmen des Coachings Wege gefunden werden sollen, sich beispielsweise von alten Glaubenssätzen zu verabschieden.


Ein Coach ist ein Motivationstrainer

Hier nicht. Der Begriff „Coach“ wird oftmals auch im sportlichen oder musikalischen Kontext verwendet und hat in diesen Bereichen eher die Bedeutung eines Motivators und Trainers, der konkrete Ziele setzt und fachliche Tipps zur Umsetzung und zum Durchhaltevermögen gibt. Im Coaching, das sich auf berufliche oder private Entwicklungsprozesse bezieht, kann die Motivationsfunktion des Coaches zwar eine Rolle spielen, in erster Linie aber eine untergeordnete, da der Coach wie bereits angesprochen ja grundsätzlich neutral gegenüber dem Verhalten des Coachees ist und dafür da ist, mit letzterem zusammen individuelle und tragfähige Lösungen zu entwickeln.


Ein Coaching ist teuer

Das hängt ganz von der Einordnung ab. Zunächst muss nicht jeder Coachingprozess lang sein – je nach Thema und Anliegen kann man auch schon in ein bis drei Sitzungen gute Lösungen entwickeln und dabei halten sich die Kosten dann ohnehin im Rahmen. Ein guter Coach hat durch seine Qualifikation und die Berücksichtigung von Vor- und Nachbereitung seiner Arbeit in der Regel einen Stundensatz, der für eine Privatperson zunächst hoch erscheint - bei genauer Betrachtung und Vergleich mit anderen Dienstleistern (wie z.B. Handwerkern, Kosmetikern, Masseuren etc.) wird aber deutlich, dass die Kosten absolut im Verhältnis zu Ausbildung und Qualifikation des Coaches stehen.

Bei einem guten Coachingprozess zahlt sich die Investition aus – immerhin geht es zumeist um die wichtigsten Dinge des Lebens: die eigene Zufriedenheit, das Selbstwertgefühl, der Beruf oder die Partnerschaft. À propos, was Paartherapie angeht: die ist in jedem Fall günstiger als eine Scheidung ;-)

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